Geheime Gärten und viktorianisches Glas — Seoul Tag vier

Tag vier. Seoul hat noch nicht genug von uns — oder wir nicht von Seoul. Heute: Changdeokgung-Palast mit seinem Geheimen Garten, der Unhyeongung-Palast, und zwischendurch ein Gewächshaus aus der Kolonialzeit, das aussieht wie nach England teleportiert. Kermit hatte wieder Kuchen. Natürlich.

Mittags: U-Bahn, Kermit, Basque Cheesecake

13:19 Uhr. Metro. Sauber, pünktlich, klimatisiert — wie immer. Vom Eingang bis zum Sitz: unter einer Minute. Seoul hat sein U-Bahn-System perfektioniert und macht kein großes Aufheben darum. Es funktioniert einfach. Kermit sitzt im Rucksack und schaut nicht raus. Er weiß wie das geht.

Kaffeepause in einem Außencafé irgendwo in Insadong. Kermit bekommt den Tisch, den Eiskaffee und den Basque Cheesecake — in dieser Reihenfolge. Er lehnt sich zurück, als würde er auf die Bestellung warten. Ich zahle. Das ist unsere Abmachung.


Changdeokgung: Der ruhigste Palast Seouls

Changdeokgung — der östliche Palast, UNESCO-Welterbe, und nach vier Tagen Palastbesuchen immer noch beeindruckend. Die Haupthalle liegt hinter dem großen Tor: Innenhof, Kopfsteinpflaster, Stille. Kaum Touristen um diese Tageszeit. Man hört die eigenen Schritte.

Ein erhöhter Pavillon auf Holzpfählen — Dancheong-Bemalung in Grün und Rot, dahinter schon die Glasfassaden der modernen Stadt. Das Detail, das mich jedes Mal trifft: die Sorgfalt. Jeder Balken bemalt, jede Verzierung durchdacht. Das ist keine Kulisse — das war Alltag.

Die lange Veranda der Haupthalle — Säule um Säule, Balken um Balken, alles verziert. Eine Touristin steht am Ende des Gangs und schaut rein. Sie ist das einzige Maßstabsobjekt, das erklärt wie lang dieser Bau wirklich ist.

Eine Steintreppe führt hoch zu einem kleinen gemauerten Tor mit Rundbogen — dahinter Bäume, Schatten, Stille. Das ist der Eingang zum Huwon, dem Geheimen Garten hinter dem Palast. Früher nur für den König und seine Familie. Heute für alle — aber er fühlt sich immer noch geheim an.

Das Tor von innen — durch den Rahmen sieht man den großen Innenhof der Haupthalle, klein und weit weg. Ein klassisches Seoul-Bild: man steht in einem Rahmen, und durch ihn schaut man auf etwas, das man gerade verlassen hat. Geschichte als Perspektive.

Huwon: Der Geheime Garten

Der Huwon — 78 Hektar Wald und Gärten hinter dem Palast — ist einer der ruhigsten Orte, die ich in Seoul gefunden habe. Keine Hochhäuser sichtbar, kein Straßenlärm. Nur Steine, Bäume und eine Haupthalle, die aussieht als hätte man sie gestern gebaut — und die eigentlich Jahrhunderte alt ist.

Ein weiterer Pavillon im Huwon — auf Stelzen, grün bemalt, mit geschwungenem Dach. Der Baum daneben ist uralt, seine Äste breiter als das Gebäude. Hier haben koreanische Könige gelesen, Gedichte geschrieben, Hofzeremonien abgehalten. Heute fotografiere ich es. Das fühlt sich leicht ungleich an.

Noch eine Veranda — noch mehr Dancheong. Ich fange an, die Muster zu erkennen. Lotusblüten, Wolken, geometrische Formen, alles in denselben Farben: Grün, Rot, Blau, Ocker. Ein System, das seit Jahrhunderten funktioniert und das niemand ersetzen musste.

Grüne Tür, rote Mauer, Kermit, ich. Das Foto entsteht weil die Tür einfach zu gut ist — alt, verwittert, mit Eisenbeschlägen, das Dach darüber vollständig bemalt. Wir lehnen dagegen als wären wir zufällig hier. Wir sind es nicht.

Der Buyongji-Teich im Huwon. Die Oberfläche ist fast vollständig mit Algen bedeckt — ein tiefes, sattes Grün, das sich mit dem Spiegelbild der Bäume mischt. Es sieht aus wie Moos auf Wasser. Kermit würde sich hier wohlfühlen. Ich sage ihm nichts davon.

Der Huwon ist der Ort in Seoul, an dem man vergisst, dass man in einer Zehn-Millionen-Stadt steht. Das passiert nicht oft.


Changgyeonggung: Gewächshaus aus einer anderen Zeit

Nebenan liegt Changgyeonggung — ein weiterer Palast, weniger bekannt, weniger besucht. Und hier steht etwas völlig Unerwartetes: ein viktorianisches Gewächshaus aus Eisen und Glas. Gebaut 1909 in der japanischen Kolonialzeit, als der Palast in einen Zoo und botanischen Garten umgewandelt wurde. Davor: akkurat gestutzte Kiefern, ein Brunnen, Holzbänke. Das hätte ich nicht erwartet.

Der Eingang durch zwei alte Kiefern — ihre Äste rahmen das Gebäude ein, als hätten sie sich dafür abgesprochen. Dahinter: weißes Eisen, Glasscheiben, Treppenaufgang mit Steinbalustrade. Man tippt auf Schottland oder England. Man ist in Seoul. Beides stimmt irgendwie.

Drinnen: ein langer Gang mit viktorianischem Fliesenboden — gelb, rot, schwarz — weiße Geländer, tropische Pflanzen rechts und links, Glasdach darüber. Es riecht nach Erde und feuchter Luft. Ich stehe da und frage mich kurz, ob ich falsch abgebogen bin.

In einer Ecke des Gewächshauses: eine aufgetürmte Felslandschaft aus künstlichem Gestein, bewachsen mit Efeu und Farnen, davor ein kleiner Teich. Eine Miniaturlandschaft hinter Glas. Draußen ist ein koreanischer Palastkomplex, drinnen ist ein viktorianischer Wintergarten mit chinesischer Miniaturkulisse. Das ist Seoul in einem Raum zusammengefasst.

Und dann: das Schild. „Watch out for snakes.“ Direkt daneben: Toilette, 50 Meter links. Das ist die Kombination, die man nicht vergisst. Kermit ist ein Frosch. Schlangen fressen Frösche. Ich gehe schneller.


Abends: U-Bahn und letzter Blick

22:49 Uhr. Ein letzter Blick auf Seoul bei Nacht — Lichter, Hochhäuser, Berge dahinter als dunkle Silhouette. Morgen geht es weiter. Wohin, steht im nächsten Post.

Vier Tage Seoul. Kermit hat mehr Cheesecake gegessen als ich Kilometer gezählt habe. Beides war die richtige Entscheidung.


Tag4 in Seoul, 19. September 2023
StationenChangdeokgung-Palast, Huwon (Geheimer Garten), Changgyeonggung-Palast mit Gewächshaus
Eintritt Changdeokgung3.000 Won; Huwon-Tour extra (ca. 5.000 Won), empfehlenswert
Eintritt Changgyeonggung1.000 Won, wenig besucht — sehr empfehlenswert
GewächshausIm Changgyeonggung-Palastgelände enthalten, erbaut 1909
SchlangenKeine gesehen. Kermit auch nicht. Gut so.
Kermit-StatusBasque Cheesecake, roter Sonnenschirm. Zufrieden.

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