40 Cent Hoffnung und ein lila Himmel

Phu Quoc kenne ich. Ich war schon mal hier — im Lockdown 2020, unfreiwillig verlängert, mit viel Zeit und wenig Plan. Diesmal ist es anders: eine Stip-Visite, ein paar Tage Insel, Sonnenuntergang pflichtbewusst abhaken. Kermit freut sich trotzdem. Oder gerade deswegen.


Phu Quoc: Sonnenuntergang, Pflichtprogramm, goldenes Licht

17:47 Uhr. Strand bei Sonnenuntergang. Das Licht trifft den Felsen, dahinter ein kleiner Tempel, Palmen, Wellen. Ich halte Kermit hoch, mache ein Selfie. Er schaut ins Licht. Ich auch. Manchmal reicht das vollkommen.

18:03 Uhr. Die Sonne ist weg. Was bleibt, ist ein Himmel in Lila, Orange, Blau — und das leise Rauschen der Wellen. Ich stehe eine Weile einfach da. Kermit liegt noch im Sand. Wir reden nicht viel in solchen Momenten.

Manche Orte muss man ein zweites Mal besuchen, um zu verstehen, warum man beim ersten Mal geblieben ist.

Nachtmarkt: Eis aus der Kokosnuss

19:08 Uhr. Nachtmarkt. Plastikstühle in Neonlicht, Grillgeruch, irgendwo läuft Musik. Ich bestelle Kokoseis — serviert in der echten Kokosnuss, mit Waffel, Regenschirm aus Papier und einer Menge Selbstbewusstsein. Kermit bekommt nichts. Er schaut trotzdem zu.


Morgen in der Mixed Bakery

10:22 Uhr. Mixed Bakery. Spiegeleier in der Eisenpfanne, Tomaten, Gurken, ein Baguette wie aus einem anderen Jahrhundert — und Kermit sitzt mir gegenüber wie ein Gast, der schon weiß, was er will. Ich komme hier immer hin. Es ist mein Ritual auf Phu Quoc: Frühstück unter Bäumen, kein Wifi, kein Plan, nur Kaffee und das Geräusch der Stadt, die langsam wach wird.

Drinnen bei der Mixed Bakery hängen die Rattanlampen wie eine Installation aus einem anderen Jahrzehnt — rund, oval, groß, klein, alle gleichzeitig an. Man weiß nicht, ob man in einem Café oder einem Museum sitzt. Ich entscheide mich für beides.

Kermit hat sich einen Platz unter den Hängepflanzen gesichert. Ich bestelle einen zweiten Kaffee. Das ist das Phu-Quoc-Tempo, das ich mag: langsam, grün, mit Aussicht auf nichts Dringendes.


Zurück nach Ho-Chi-Minh-Stadt

14:25 Uhr. Abflug Phu Quoc. Durch das Flugzeugfenster sieht man HCMC von oben — Fluss, Dächer, Millionen Menschen, die alle gleichzeitig irgendwohin wollen. Unten fangen wir an zu landen. Der Kreislauf schließt sich.

Sightseeing unter Wolken

10:40 Uhr. HCMC. Die Stadt empfängt mich so, wie sie immer ist: laut, bunt, kompromisslos. Ich laufe. Erst durch die Straßen, dann zur Notre-Dame-Kathedrale — oder was davon gerade noch zu sehen ist.

Die Notre-Dame-Kathedrale ist komplett eingerüstet. Seit Jahren. Die Marienstatue steht noch davor — ruhig, unbeeindruckt vom Chaos aus Stahl und Holz hinter ihr. Ich stelle mich daneben. Wir sind beide etwas kleiner als das Gerüst.

Gleich nebenan das Zentralpostamt — eines der schönsten Gebäude der Stadt. Französische Kolonialarchitektur, hohe Bögen, eine Uhr über dem Eingang. Drinnen kaufen Touristen Postkarten und schicken sie nach Hause, in ein Leben, das gerade pausiert.

Die Buchstraße — Đường Sách — ist eine der ruhigeren Ecken der Stadt. Bäume über dem Asphalt, kleine Stände mit Büchern, ein paar Cafés, ein Leuchtturm-Deko-Objekt, das niemand erklärt. Ich mache ein Selfie und frage mich, ob ich hier schon mal war.

Und dann, in irgendeiner Bar oder irgendeinem Café: ein Neonschild an der Backsteinwand. „never make eye contact while eating a banana.“ Ich fotografiere es. Ich denke kurz nach. Ich stimme zu.

Abend: Mopeds, Regen, Realität

16:53 Uhr. Regen. HCMC macht keinen halben Spaß, wenn es regnet — es macht einen ganzen. Innerhalb von Minuten ist die Straße ein Fluss, die Mopeds werden zu roten Regenponcho-Geistern, und ich stehe irgendwo unter einem Dach und schaue zu. Es ist laut, nass, chaotisch. Es ist HCMC.

17:39 Uhr. Kreuzung. Der Regen ist kurz vorbei. Die Mopeds stehen an der Ampel — dicht, geduldig, und doch irgendwie bereit, jederzeit loszufahren. Die Straße ist ein Organismus. Man lernt, sich darin zu bewegen, oder man lernt, zuzuschauen. Beides ist okay.


Abflug und die vietnamesische Lotterie

9:31 Uhr. Flughafen. Rucksack auf dem Rücken, Sonnenuntergang hinter mir, ein letztes Selfie. Das Licht ist lila, der Himmel ist groß, und ich sehe aus wie jemand, dem das alles gut getan hat. Hat es auch.

Ein Fächer bunter Lose — und was dahintersteckt

Wer durch Vietnam reist, begegnet ihnen überall: alte Männer und Frauen, die an Straßenecken, in Cafés oder am Flughafen bunte Lotterielose verkaufen. Jedes Los kostet 10.000 Đồng — umgerechnet etwa 40 Cent. Ich kaufe fünf.

Die staatliche Lotterie Vietnams ist kein Glücksspiel im westlichen Sinne. Sie ist ein soziales System. Ein erheblicher Teil der Einnahmen fließt in staatliche Infrastruktur, Bildung und Sozialprogramme. Und die Verkäufer selbst — oft ältere Menschen ohne Rente, Menschen mit Behinderungen oder aus armen Verhältnissen — erhalten durch den Weiterverkauf eine kleine, aber reale Einnahmequelle. Man kauft kein Los, weil man gewinnen will. Man kauft es, weil man kurz innehalten und jemandem etwas geben kann, ohne dass es sich wie Almosen anfühlt. Es hat Würde. Auf beiden Seiten.

Ein Los kostet 40 Cent. Was man dafür kauft, hat keinen Preis.


Transit Bangkok — und dann: München

22:54 Uhr. Suvarnabhumi Airport, Bangkok. Die Götter des Seeamritsches ziehen den Naga-Schlangenkönig — eine monumentale Skulpturengruppe mitten in der Abflughalle. Ich stehe davor und denke: wenn ein Flughafen so aussieht, fliegt man gerne durch. Kermit schläft bereits im Rucksack.

08:12 Uhr. München. Das charakteristische Glasdach des Terminal 2 wölbt sich über uns. Kermit schaut in die Kamera — wach, als hätte er die Nacht im Flieger tatsächlich genossen. Ich sehe wahrscheinlich müder aus als er. Die Reise ist vorbei. Der nächste Kaffee ist nah. Das Leben geht weiter — auf der anderen Seite der Ankunftshalle.

Ankommen ist auch eine Art Aufbruch — man muss nur kurz schlafen und dann schauen, wohin als Nächstes.


RoutePhu Quoc → Ho-Chi-Minh-Stadt → Bangkok (Transit) → München
Reisedaten1.–8. Oktober 2023
Flug PHQ→SGNInlandsflug Vietnam, ca. 1 Stunde
Flug SGN→BKK→MUCThai Smile Airways, Transit Suvarnabhumi
Frühstück-TippMixed Bakery, Phu Quoc — Eier, Baguette, Kaffee, viel Grün
Nachtmarkt-TippKokoseis auf dem Nachtmarkt Phu Quoc — unbedingt
Lotterielos10.000 Đồng (~0,40 €) — kaufen, auch wenn man nicht gewinnt
Kermit-StatusErholt, zufrieden, bereit für das Nächste

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